Die Lehmfarbrik - über Andreas Tietz

Mein Werdegang zum "Ökologisch motivierten Wandgestaltungsproduktertüftler"

So würde mein Beruf eventuell heißen, wenn es diesen als Beruf gäbe.
 
Es wäre wichtig, der verehrten Kundschaft zu schreiben, wie es dazu kam, sagte man zu mir.
Und nun schreibe ich mal kurz meine Chronologie hier für Sie auf:
 
1963 erblickte ich das Licht der Welt in der damaligen DDR und genoss den großen Segen einer glücklichen Kindheit in einem sehr liebevollen Elternhaus.
 
1970 erblickte ich dann meine ersten Lehrer und es war nicht alles schlecht. Interessant vielleicht: Ich war als Schüler durchschnittlich, stand aber in Biologie immer auf 1 (ohne Lernen, natürlich).
 
1980 erblickte ich die ersten Lehrmeister und wollte Baufacharbeiter werden. Hier gab es kein Bio aber Baustoffkunde. Es war wieder das Fach, das mit 1 heraus stach.
 
Endlich ausgelernt habe ich irgendwann als Betriebshandwerker in der ehemaligen Saalfelder Villa des Schokoladenfabrikanten Ernst Hüter gearbeitet. Hier gab es ein Ahaerlebnis als dort Stuckateure das herrschaftliche Bad im Keller restaurierten. Die waren richtig gut und arbeiteten mit ihren eigenen Mörtelrezepturen.
 
Säcke mit Schweineborsten und verschiedene Sande und Kalke wurden da verarbeitet. Für DDR-Verhältnisse war das schon ziemlich sensationell. Das war das erste Mal, dass ich nicht lernen musste, aber es war so interessant, dass sich vieles ganz von selbst in meinen Gehirn-Windungen verhakte.
 
1988, unzufrieden mit den soz. Verhältnissen begann ich nebenher ein Meisterstudium, um mich anschließend selbständig machen zu können. Mittlerweile war ich etwas ehrgeiziger, aber die besten Noten bei wenig Lernstress gab es auch hier wieder in Materialkunde (Mörtelsieblinienberechnungen über 4 Seiten ohne Taschenrechner, nie wieder würde ich mir so was antun).
 
1990 kam alles anders als gedacht und ich konnte plötzlich meine Verwandtschaft im Ruhrgebiet besuchen. Das war sehr wunderbar und ich fand bei einem Waldspaziergang ockerfarbigen Ton. Ich nahm etwas mit und das Grübeln, was man wohl damit anstellen könnte, ließ mich nicht mehr los.
 
Selbständig habe ich mich dann trotz Wende auch gemacht. Ein Sprung ins kalte trübe Wasser sozusagen. Denn Kalkulation und andere jetzt wichtige Dinge musste ich dann leider vornehmlich aus Fehlern lernen.
 
1994 schloss ich dann noch in Fulda ein Studium zum Restaurator im Handwerk ab.
Am interessantesten war hier - Sie ahnen es schon - der Lehmbau und Mörtel aller Art selbst herzustellen. Auch die artfremden Gewerke, insbesondere die Maler, konnte man in ihrem Praxisunterricht "ausspionieren". Äußerst interessante Dinge wurden da gemacht, vom Marmorimitat bis zur Vergoldung.
 
Ab 1995 arbeitete ich an vielen Aufträgen im Bereich der Denkmalpflege und besonders in der Lehmrestauration. Bald gab es schon ein paar wenige Lehmbauaufträge. Dass die Lehmwände im Endergebnis immer braun sind, lies mir von Anfang an keine Ruhe, da Ästhetik für mich genauso wichtig wie Bauphysik oder Baubiologie ist.
 
Manche redeten sich ein, der Braunton sei so wunderschön, wieder andere tapezierten oder zerstörten die guten Eigenschaften der Lehmuntergründe mit versiegelnden Farben. Ein Jammer.
 
Ich begann also nebenbei zu experimentieren mit farbigen Sanden, Pigmenten, natürlichen Leimen, Lehm, Ton und alles was die natürliche Alchemistenküche so hergab. Keine Ahnung wie viele Stunden da unbezahlt ins Land gegangen sind, aber irgendwann gab es erste Erfolge.
 
2010 eröffnete ich meinen Internetshop zum Vertrieb der entwickelten Produkte. Zum Glück habe ich einen technik-elektronik-affinen Bruder. Ohne Ihn hätte ich das mangels Zeit, Finanzen und Ahnung nicht auf die Reihe bekommen. Danke Bruderherz!
 
So langsam aber stetig wandelte sich nun die anfängliche "Spinnerei" in mein Hauptgeschäftsfeld.
Ziel ist es weiterhin, beständig das Sortiment zu erweitern und Produkte weiter zu entwickeln. Wir möchten gesund durch die Zufriedenheit unserer Kunden wachsen und nichts unnatürlich durch Werbung pushen.
 
Ihr Andreas Tietz
 
PS.: Falls Ihnen zur Überschrift eine etwas ansprechendere Berufsbezeichnung einfällt, können Sie die uns gern vorschlagen.


Und dies liegt mir auch noch am Herzen

Was unsere Segel füllt
 
Schon seit geraumer Zeit arbeite ich mit dem Baustoff Lehm.
Lehm, obwohl schon lange als alternativer Baustoff (wieder) etabliert, er wird auch immer wieder diskutiert. Allzu oft werden seine Vorteile verkannt, andererseits auch vieles verklärt. Immer wieder fällt der Begriff vom Wohlfühlbaustoff Lehm.
 Es beschäftigt mich nun seit geraumer Zeit, dieses Wohlfühlen.
 
Schließlich ist es doch mehr als wichtig, wenn große Mengen an Zeit, Geld und Kraft ins eigene Wohlfühlnest investiert werden, das dieses seinen Namen dann auch verdient.
 
Ist es damit getan, eine gewisse Menge an Lehmbaustoffen in der Bausubstanz unterzubringen? Was gehört wohl alles dazu, um sich wohl zu fühlen in den eigenen vier Wänden.
 
Ist es die Bauphysik?
Ist es die Baubiologie?
Ist es die Funktionalität?
Wie wichtig ist eigentlich die  Ästhetik?
Gibt es auch noch andere Wohlfühlfaktoren wie z.B. Moral und Gewissen?
Und leider sehr eng damit verbunden ist natürlich auch die Wirtschaftlichkeit.
 
Ich denke, alles spielt eine Rolle! "Ganzheitlich" heißt das leider arg strapazierte Zauberwort hierfür. Es ist ein ständiger Prozess, alle diese Komponenten immer besser in Einklang zu bringen. Dieser Prozess wird begleitet von der Überzeugung, dass jeder Mensch einzigartig geschaffen ist.
 
Individualität ist für mich kein Luxus, sondern ein Bedürfnis!
 
Nicht der Zeitgeist, der alles Leben nur schnell, oberflächlich und verschwenderisch macht, soll uns die Segel füllen. So zeitlos wie eben möglich möchten wir deshalb unsere Produkte anbieten und immer weiter entwickeln.
 
Die eigenen Wände, ein Zufluchtsort, eine Oase, ein kleines Stück Freiheit gegen die Uniformität unserer gesichtslosen Performancegesellschaft? Warum denn nicht! Es sind unsere Wände die uns als Individuum auch widerspiegeln. Einen beträchtlichen Teil unserer Zeit verbringen wir hier.
 
Churchill sagte mal sinngemäß "Zuerst formt der Mensch das Haus, dann formt das Haus den Menschen". Nun ja, keine Ahnung was Sie sonst von Churchill halten, aber in diesem Punkt würde ich ihm gerne Recht geben. Es muss ja auch nicht immer einer von den fernöstlichen Sprücheklopfern sein.
 
Es geht nicht um den selbstverliebten egoistischen Individualismus, wie er uns heute allzu oft begegnet.
Nein, es geht um Selbsterkenntnis, Kraft tanken zum sich wieder Einbringen und Bereichern  dieser unserer Gesellschaft.
Es geht mir auch um das Bewusstsein, dass  das eigene Nest diesbezüglich mehr sein kann, als nur Schutzhülle für Personen und deren Prestigeobjekte.